Was iOS Shortcuts für Nutzer und Publisher bedeutet

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Wer Shortcuts sagt, der muss auch Siri sagen. Und ein klein wenig Vergangenheitsbewältigung verkraften, um die Signifikanz und die weitreichenden Möglichkeiten von Shortcuts wirklich zu schätzen. Auf in eine schöne neue Welt!

Die Leidensgeschichte rund um Siri

Im April 2011 stellte Apple mit Siri den ersten sprachgesteuerten Assistenten als Bestandteil des mobilen Betriebsystems iOS vor. Eine kleine Revolution.

2012 (Google), 2013 (Microsoft) und 2014 (Amazon) ziehen die Konkurrenten nach. Und laufen Siri schon bald den Rang ab. Speziell der Google Assistant schneidet in nahezu allen Benchmarks verlässlich besser ab, während sich Siris Limitierungen zusehends zu einem Running Gag entwickeln.

Über die Ursachen darüber kann vortrefflich spekuliert werden. Stellt sich Apple mit seinen lobenswerten Bestrebungen für mehr Datenschutz selbst ein Bein? Ist die zugrundeliegende technische Architektur die falsche und benötigt einen kompletten Neustart?

In jedem Fall wurde der Handlungsdruck für Apple größer und größer, zusätzlich befeuert durch den an Dynamik gewinnenden Trend hin zu Voice Interfaces und das hauseigene Produkt HomePod.

Und tatsächlich hatte Apple mit der Vorstellung von iOS 12 eine echte Überraschung parat: Vorhang auf für Siri Shortcuts.

Die Verwirrung rund um Shortcuts

So toll die Möglichkeiten mit Shortcuts auch sind, so verwirrend ist die Kommunikation drumherum seitens Apple. Das liegt daran, dass einige unterschiedliche Funktionen unter der Bezeichnung Shortcuts oder Siri Shortcuts zusammengefasst werden. In aller Kürze sind das:

  • Funktionen in Apps, die der Nutzer mit einem Sprachbefehl seiner Wahl ausführen kann - ohne die App starten zu müssen
  • Proaktive Vorschläge von Siri für spezifische Aktionen oder Apps direkt auf dem Lockscreen, in der Spotlight Suche und auf dem Siri Face für die Apple Watch, basierend auf dem Nutzerverhalten
  • Mächtige Verkettungen von Funktionen, über mehrere Apps hinweg, die der geneigte Power-User in der Shortcuts App (ehemals Workflow, zu Deutsch Kurzbefehle) erstellen - und anschließend mit einem Sprachbefehl seiner Wahl aktivieren kann

Was ist neu für die Nutzer?

Apple User, die sich nicht proaktiv mit dem Thema Shortcuts auseinandersetzen wollen, werden im Laufe der Zeit von Vorschlägen durch iOS überrascht, prominent auf ihrem Lockscreen oder in der Spotlight Suche. Diese Vorschläge basieren auf Verhaltensmuster, die das Betriebsystem kontinuierlich im Hintergrund auswertet. Kristallieren sich im Laufe der Zeit wiederkehrende Verhaltensweisen heraus, stellt iOS diese in den Fokus und bietet dem Nutzer dadurch eine schicke Abkürzung an.

Öffnet ein Nutzer beispielsweise jeden Tag zur etwa selben Zeit seine Nachrichten App, wird sie künftig im selben Zeitraum auf dem Lockscreen angeboten. Für den Nutzer entfällt damit die Navigation hin zur App, stattdessen startet er sie ohne Umwege direkt über den Lockscreen. Wird dieser Shortcut regelmäßig genutzt, verstärkt das System dessen Priorität, andernfalls kann es sein, dass der Shortcut mit der Zeit wieder verschwindet.

Ein anderes Beispiel aus einer WWDC Session von Apple zum Thema: Jeden Mittwoch zum Mittagessen wird über die Soup Delivery App eine Tomatensuppe bestellt. Und zwar groß und mit Croutons. Nach einer Weile taucht genau diese Bestellung auf dem Lockscreen oder im Spotlight auf. Statt den gesamten Bestellprozess durchlaufen zu müssen, reicht ein Tap auf den Vorschlag und eine kurze Bestätigung der Bestellung aus - und schon ist die Suppe auf dem Weg.

Darüberhinaus können sich Nutzer auch selbständig Shortcuts anlegen und damit gerne und oft genutzte Funktionen schnell und einfach über Sprachbefehle aufrufen. Dabei wird es interessant sein zu beobachten, wie gut dieses Angebot von der breiten Masse angenommen wird und wie viele Sprachbefehle sich der gewöhnliche Nutzer anlegt, merken kann und nutzt.

Das Anlegen von eigens definierten Shortcuts funktioniert auf drei Arten.

 
 iOS Systemeinstellungen

iOS Systemeinstellungen

 

Über die Systemeinstellungen im Unterpunkt Siri & Suchen

In den Systemeinstellungen finden sich alle Funktionen, die mit einem Sprachbefehl der eigenen Wahl verknüpft werden können. Funktionen tauchen allerdings nur dann in dieser Liste auf, wenn sie von dem Publisher der App an iOS übergeben werden.

Andersherum formuliert: Wurde eine App nicht für Siri Shortcuts aktualisiert, oder seit der Aktualisierung nicht gestartet und verwendet, können von ihr keine Funktionen in den Systemeinstellungen für Siri Shortcuts angeboten werden.

Wählt der Nutzer eine Funktion aus der Liste aus, wird er aufgefordert einen Sprachbefehl dafür aufzunehmen. Dabei hat er völlig freie Wahl hinsichtlich Länge und Inhalt des Befehls. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich umständliche die exakte Formulierung merken musste, auf die eine App reagiert.

Auf diesem Wege angelegte Shortcuts können selbstverständlich nachträglich geändert oder gelöscht werden. Das Belegen einer Funktion mit mehreren Sprachbefehlen ist jedoch nicht möglich. Shortcuts werden vial iCloud über alle Geräte hinweg synchronisiert, so dass beispielsweise ein auf dem iPhone aufgenommener Shortcut auch über den HomePod gestartet werden kann.

Hat der Nutzer seinen Shortcut einmal angelegt, reicht es Siri zu starten und den Sprachbefehl zu sagen, um die dahinter liegende Funktion auszulösen. Direkt & reibungslos, so muss es sein.

 Overcast

Overcast

 Booking.com

Booking.com

Über die Oberfläche der jeweiligen App

Manche Apps wollen sich nicht darauf verlassen, dass der Nutzer in den Systemeinstellungen nach ihnen sucht und bieten daher ihre für Shortcuts geeigneten Funktionen direkt in der eigenen Oberfläche an.

Apps wie Overcast, die eine große Anzahl an Funktionen für Shortcuts anbieten, schaffen einen dedizierten Bereich, in dem alle Optionen übersichtlich aufgelistet werden.

Apps wie Booking.com, die nur wenige Funktionen für Shortcuts anbieten, machen das oft direkt im Kontext des entsprechenden Buttons, Screens oder Funktion.

Für den Nutzer ändert sich in beiden Fällen am zuvor beschriebenen Ablauf nichts: Nach der Auswahl nimmt er den Sprachbefehl seiner Wahl auf und das war‘s auch schon.

 
 Kurzbefehle aka Shortcuts

Kurzbefehle aka Shortcuts

 

Über die Kurzbefehle App

Die Kurzbefehle App ist eine iOS Stock App und basiert auf der von Apple Anfang 2017 aufgekauften Anwendung Workflow. Mit ihr lassen sich mächtige Abläufe definieren, die sich über mehrere Apps hinweg erstrecken können.

Die Kurzbefehle App richtet sich eindeutig an Power User, bietet aber auch Einsteigern eine große Auswahl an vordefinierten Shortcuts zum Download. Außerdem lassen sich von anderen Nutzern zusammengestellte Shortcuts herunterladen und weiter bearbeiten. Eine große Auswahl an mit viel Liebe selbstgebastelten Shortcuts bietet Federico Viticci von MacStories in seinem Shortcuts Archive an. Eine ebenfalls gut bestückte Sammlung deutscher Shortcuts findet sich hier.

In der Vergangenheit konnten die in der Kurzbefehle App angelegten Shortcuts auf unterschiedliche Arten gestartet werden. Beispielsweise direkt in der App, über die Sharing Funktion oder über das zugehörige Widget.

Neu ist, dass die Shortcuts nun ebenfalls mit einem Sprachbefehl belegt und gestartet werden können. Shortcuts, möglicherweise bestehend aus einer Verkettung von mehreren Shortcuts, werden also mit einem Shortcut gestartet. Womit wir wieder beim Thema Verwirrung für den Nutzer sind. Da aber so viele tolle Dinge damit gehen, kann man ausnahmsweise ein Auge zudrücken. Oder? 😉

Was bedeutet das alles für die Publisher?

Nicht jede App kann Shortcuts sinnvoll integrieren. Bei den meisten schlummert aber enormes Potenzial.

Es gibt keinen Anlass, sinnfreie Shortcuts anzubieten, nur damit man es gemacht hat. Weder iOS, noch der Nutzer finden dafür Verwendung. Wer sich aber keine ernsthaften Gedanken darüber macht, ob und wie Shortcuts das eigene Angebot verbessern können, der verpasst möglicherweise eine große Chance.

Noch dazu ist denkbar, dass man als early Adopter dieser noch jungen Technologie einen ganz speziellen Bonus erhält. Nicht nur, weil das Apple gerne sieht und damit die Chancen für eine Promotion in den Stores steigt. Sondern auch, weil es ein natürliches Limit geben wird, wie viele Shortcuts sich ein Nutzer merken kann. Wer zuerst kommt, belegt einen prominenten Platz im Gedächtnis des Nutzers.

Vor allem aber gilt ganz grundsätzlich: Wer es schafft, die Reibungsverluste zwischen Absicht und Ziel zu reduzieren, wird das Engagement und die Retention unweigerlich verbessern.

Shortcuts sind dafür ein hervorragendes Werkzeug. Sie stellen den direkten Weg zwischen einem Nutzerwunsch und der entsprechenden Funktion in der eigenen App dar. Das lästige Drumherum entfällt komplett. Kein Entsperren des iPhones, Wischen zum richtigen Screen, Suchen und Starten der App, Navigieren innerhalb der Oberfläche zum richtigen Tab und Screen und anschließendes Ausführen der gewünschten Funktion mehr - stattdessen reicht ein einfacher Sprachbefehl.

Sei es das Ausführen einer spezifischen Funktion, das Lesen der Sport Rubrik oder das Bestellen eines Taxis - der Nutzer hat ein spezifisches Ziel vor Augen. Bietet man ihm mit Shortcuts einen schnellen und intuitiven Weg dahin, wird er ihn öfter und regelmäßiger beschreiten.

Für manche Apps bergen Shortcuts aber auch ein gewisses Risiko. Und zwar dann, wenn sie darauf setzen, den Nutzer nach Start der Anwendung tiefer und tiefer in seinen Bann zu ziehen, damit er möglichst viel Zeit darin verbringt. Klassische Kandidaten dafür sind Social Media Apps oder contentlastige Anwendungen. Derartige Apps können Shortcuts verwenden, um den Nutzer schnell in spezifische Unterbereiche zu führen, sollten es aber vermeiden Shortcuts einzuführen, die lediglich eine bestimmte Funktion ausführen, ohne dass die App aufgerufen werden muss.

Was einen guten Shortcut ausmacht

Wie so oft gibt es eine ganze Menge zu bedenken und alles kommt auf das spezifische Einsatzszenario der eigenen App an. Es gibt jedoch ein paar Faustregeln, die es sich eigentlich immer lohnt zu beachten.

  • Einfach - Aufgaben, die schnell und einfach durchgeführt werden können, eignen sich besser für Shortcuts, als komplexe Abläufe, die das Mitdenken oder Zutun des Nutzers erfordern.
  • Oft genutzt - Aktionen die häufig durchgeführt werden, verdienen einen Shortcut. Für Aufgaben, die nur sporadisch initiiert werden, geraten die zugehörigen Sprachbefehle schnell in Vergessenheit.
  • Im Hintergrund - Wenn möglich, sollten Shortcuts ausgeführt werden können, ohne dass die zugehörige App gestartet werden muss. Somit wird der Nutzer nicht aus seinem aktuellen Kontext gerissen.
  • Beständig - Temporäre und vergängliche Aufgaben und Informationen sollten nicht mit einem Shortcut verknüpft werden, da sie auf absehbare Zeit obsolet werden.
  • Immer relevant - Ein Shortcut sollte immer und unabhängig von den aktuellen Rahmenbedingungen des Nutzers erfolgreich durchgeführt werden können. Ganz gleich, wo sich der Nutzer befindet, was er gerade macht, oder welche Uhrzeit es ist.

Abseits davon kann man seinen Nutzern bei der Aufnahme des eigenen Sprachbefehls einen Vorschlag machen. Dieses Beispiel sollte möglichst kurz, einprägsam und konkret sein. Je besser man das hinbekommt, desto besser stehen die Chancen, dass der Nutzer einen Sprachbefehl aufnimmt, den er sich selbst gut merken kann und deswegen öfter nutzt.

Wie man Shortcuts vernünftig in der eigenen App implementiert

Auf der technischen Ebene gibt es ein paar Rahmenbedingungen zu berücksichtigen, damit die gespendeten Aktionen (so die Formulierung von Apple) von iOS als qualitativ hochwertig beachtet und berücksichtigt werden. Das alles ist natürlich wie üblich sauber dokumentiert und zwingend zu respektieren.

Als Faustregel gilt: je spezifischer man einen Shortcut an das Betriebssystem übergibt, desto leichter wird es, die relevanten Muster zu erkennen. Und dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, von iOS als proaktiver Vorschlag präsentiert zu werden.

Auf konzeptioneller Ebene stellt sich die Frage, wie man den Nutzern sein Angebot an Shortcuts kommuniziert. Dabei hat man grundsätzlich drei Möglichkeiten.

Systemeinstellungen

Eine App kann Funktionen an das System spenden, so dass diese in den Systemeinstellungen im Unterpunkt Siri & Suchen aufgelistet werden. Dabei kann man festlegen, ob Funktionen nur nach Verwendung durch den Nutzer gespendet werden sollen, oder ungeachtet dessen in der Liste der verfügbaren Aktionen angezeigt werden sollen. Diese Unterscheidung macht Sinn, sobald man sich genauer mit den für die eigene App geeigneten Shortcuts befasst.

Das Problem mit diesem Ansatz ist, dass man sich darauf verlassen muss, dass der Nutzer proaktiv in den Systemeinstellungen nach der eigenen App sucht. Es wird sich zeigen, ob ein Großteil der Nutzer regelmäßig in den Systemeinstellungen nach bestehenden und neuen Kandidaten für Shortcuts stöbern. Wir bezweifeln das. Verlassen kann man sich darauf jedenfalls nicht und darum macht es Sinn, zusätzliche Kontaktpunkte zu kreieren.

Siri Shortcuts Button

Diese Variante bietet sich an, wenn man wenige, aber zentrale Funktionen hat, die man mit einem Siri Shortcut belegen kann.

Ein gutes Beispiel dafür ist die App Tile, die Nutzern dabei hilft, Gegenstände zu finden. Dafür klebt man einen Tile an einen Gegenstand den man tracken möchte, beispielsweise seinen Geldbeutel. Diesen Tile kann man dann über die App zum Klingeln bringen und auf einer Karte anzeigen, was die Suche erleichtern soll.

Super also, wenn man schon beim Einrichten des Tiles für den Geldbeutel prominent die Möglichkeit einen Shortcut dafür anzulegen anpreist. Und zwar direkt im Kontext der Funktionen für den Geldbeutel. Dadurch versteht der Nutzer sofort, was genau er künftig mit seinem Siri Shortcut auslösen kann und muss außerdem für das Anlegen des Shortcuts nicht in einen anderen Bereich der App oder die Systemeinstellungen wechseln. Apple bietet dafür übrigens offizielle Add to Siri Button Designs an, um die Wahrnehmung auf User Seite zusätzlich zu erhöhen.

Liste der Siri Shortcuts

Offeriert man seinen Nutzern eine große Bandbreite an Funktionen für Shortcuts, macht es Sinn, dafür einen dedizierten Bereich in der App zu schaffen.

Beispielsweise kann in einem bestehenden Mehr oder Einstellungen Bereich ein neuer Unterpunkt Siri Shortcuts eingeführt werden. Hier kann sich der Nutzer einen Überblick zu allen möglichen Shortcuts verschaffen und sich inspirieren lassen.

Dabei hat man in der Gestaltung natürlich die volle Kontrolle und kann die Shortcuts sinnvoll gruppieren und gliedern, um die Übersicht zu verbessern. Zusätzlich kann und sollte man man dem Nutzer anzeigen, welche Funktionen er bereits mit einem Shortcut belegt hat und wie dieser lautet. Auch das Ändern und Löschen von bestehenden Shortcuts soll hier möglich sein.

Bereich für die Erstellung spezifischer Shortcuts

Apps, in denen Inhalte mit vielen Variablen angelegt werden können, sollten einen Bereich anbieten, in dem Shortcuts selbst definiert werden können. Ein gutes Beispiel liefert der ToDo Manager Things. Die App bietet die Möglichkeit, das Anlegen einer Aufgabe mit vordefinierten Metadaten in einer bestimmten Liste anzulegen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

 
 Things

Things

 

Fazit

Siri Shortcuts sind ein bedeutender Schritt von Apple in das Zeitalter der Voice Interfaces. Sowohl für Nutzer als auch Publisher eröffnen sich wunderbare neue Möglichkeiten und Chancen. Schwer vorstellbar, dass die Begeisterung für Voice Interfaces in den nächsten Jahren nachlässt. Daher ist es ratsam, lieber früh als spät erste Erfahrungen zu sammeln, um sich bietende Potenziale zukünftig ausschöpfen zu können.


 Herr Clauß

Herr Clauß

 Herr Raimund

Herr Raimund

 

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Zu diesem Artikel gibt es auch eine Podcastfolge.