Version 1.0 und die Roadmap danach

v1.jpg

Es ist Zeit für eine neue App. Das gesamte Team ist hochmotiviert und inspiriert. Großes soll entstehen und entsprechend lang wird die Liste der Ideen. Was mit guten Absichten beginnt, wird schnell zu einem Problem. Denn besonders in Version 1.0 kann es zu viel des Guten geben. Wir zeigen, warum ein schlanker Start ein besserer ist.

So entsteht der Feature Creep

Feature Creep beschreibt den schleichenden Prozess, wenn nach und nach immer mehr Funktionen ihren Weg in das Produkt finden, bis letztlich ein Monstrum entsteht, das weder der Publisher selbst, noch der Endnutzer im Griff hat. Wie kommt es dazu?

Der Grund dafür ist eine eigentlich hehre Absicht: den Nutzern das bestmögliche Produkt anzubieten.

Und so wird engagiert in riesigen Runden gebrainstormt, Funktionen bei der Konkurrenz abgekupfert und die Zielgruppe gefragt ob sie Feature X und Y gerne hätte. Spoiler: Ja, hätten sie gerne. Klingt ja immer alles erstmal gut, also nur her damit.

So entsteht schnell eine beachtliche Liste an Funktionen, von denen sich niemand mehr so recht trennen möchte.

Ganz häufig passiert es auch, dass man für Version 1.0 schon die ganz große Vision vor Augen hat. Dabei wird gedanklich ausgeblendet, dass sich alle ernstzunehmenden Apps über Monate und Jahre hinweg entwickelt haben, gar entwickeln müssen, um eine wirklich optimierte Nutzererfahrung liefern zu können, die den Ansprüchen dieser großen Vision gerecht wird. An exakt solchen Premium Apps misst man sich jedoch gerne schon bei der Konzeption von Version 1.0 und läuft dadurch Gefahr, sich viel zu viel auf einmal vorzunehmen.

Der Irrglaube ist oft: Je mehr dem Nutzer vom Start weg geboten wird, desto besser wird die App auch angenommen.

Mehr Features führen aber nicht zwangsläufig zu einer besseren App, sondern verwässern den Kern der Anwendung, schaffen zusätzliche Komplexität und somit Erklärungsbedarf auf Nutzerseite und generieren für die Umsetzung einen entsprechenden Overhead und Mehrkosten.

Das geht auch anders.

Die Vorteile einer schlanken Version 1.0 (und einer prallgefüllten Roadmap)

Zeit für eine knackige Liste der wichtigsten Vorteile:

  • Kürzere go-to-market Zeit
  • Geringere initiale Aufwände und Kosten
  • Mehr Budget in der Hinterhand, um auf kurzfristige Entwicklungen reagieren zu können
  • Geringere Fallhöhe, wenn bei der Konzeption falsche Annahmen getroffen wurden
  • Geringere Komplexität für den Endnutzer
  • Geringere Einstiegshürden und potenziell eine höhere Retention
  • Jedes Update kann erneut vermarktet werden - somit gibt es nicht nur einen initialen Marketing-Push und anschließende Stille
  • Nutzer erwarten und honorieren regelmäßige Updates und freuen sich viel mehr über neue Funktionen als über Fehlerbehebungen
  • Das interne Team wird nicht überfordert

Es lohnt sich also unbedingt, wirklich jede Funktion auf den Prüfstand zu stellen und im Zweifelsfall nicht für die erste Version der App einzuplanen.

Wie entscheide ich, was in der ersten Version nicht fehlen darf?

Das ist pauschal schwierig zu beantworten und abhängig von der spezifischen App. In der einen ist ein Widget nahezu unverzichtbar, während in der nächsten das Widget problemlos Monate später nachgereicht werden kann - wenn überhaupt.

Was beim Ausdünnen des Feature-Scopes auf jeden Fall hilft, ist sich bewusst zu machen, was den Kern der App auszeichnet. Am besten klappt das mit einer vermeintlich einfachen Übung, die in jeder Konzept-Phase nicht fehlen darf: Beschreibe in einem Satz, was die App macht.

Wer das nicht schafft, der kann auch von seinen Usern nicht erwarten, dass sie den Nutzen der Anwendung verstehen und anderen erklären können.

Hat man diesen Satz erstmal definiert, kann man ihn hervorragend für die Entscheidungsfindung heranziehen. Trifft der Satz nicht mehr zu, sobald man ein bestimmtes Feature streicht, dann ist dieses Feature gesetzt und unverzichtbar. Alles andere hingegen kann getrost in den Backlog wandern und für die Planung der Roadmap herangezogen werden. So einfach. In der Theorie zumindest.

Dabei heisst es stark bleiben und rigoros nach dem beschriebenen Prinzip Features auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, auch wenn es manchmal schwer fällt. Nicht verunsichern lassen! Die Vorteile überwiegen.

Wie gestalte ich die Roadmap und Updates?

Ist die Version 1.0 der App endlich in den Stores oder im firmeninternen Einsatz, geht die Arbeit erst so richtig los.

Für gewöhnlich gibt es zu Beginn einige Kinderkrankheiten und kritische Bugs, die ausgemerzt werden müssen. Ist diese Phase überstanden, kann man sich den schönen Themen widmen: einer schicken Roadmap, gespickt mir neuen Features und vielen Optimierungen.

Das Hauptaugenmerk sollte dabei immer darauf liegen, das Arbeiten mit der App angenehmer, effizienter und kurzweiliger zu machen. Erst in zweiter Instanz geht es darum, neue Funktionen einzuführen.

Um zu verstehen, was man optimieren kann, muss man mit Version 1.0 die richtige Basis geschaffen haben. Und zwar in Form von geeigneten Tracking Services und Mechaniken, die es einem erlauben, qualifiziert zu verstehen, wie die App genutzt wird und wo Dinge noch nicht richtig rund laufen.

Außerdem braucht man zwingend ein offenes Ohr für seine User. Jegliche Form von Kundenfeedback ist Gold wert. Sei es über Rezensionen im App Store, Feedback beim telefonischen Kundensupport oder sonstige Rückmeldungen, beispielsweise über Email aus der App heraus.

Auf diesem Wege entwickelt man schnell ein Gespür dafür, welche Bereiche der App besonders gerne genutzt werden, welche verbessert (oder gar wieder ausgebaut) werden müssen und was die Nutzer am meisten vermissen.

So wird der Backlog nicht nur sukzessive mit neuen Ideen erweitert, sondern es kristallisieren sich auch die Punkte heraus, die einen besonders großen Mehrwert schaffen und somit nach oben priorisiert werden können. Rein damit in eines der anstehenden Releases! 🚀

Bei der Planung von Updates müssen Produktmanager immer im Blick behalten, welche Abhängigkeiten zu anderen Systemen bestehen. Benötigt eine neue Funktion beispielsweise eine Erweiterung der bestehenden Backend-Services, sollte das Team vorgewarnt und ausreichend Vorlaufzeit für Implementierung und Testing vorgesehen werden.

Hin und wieder bietet es sich auch an, mehrere Funktionen die sich einem bestimmten Überbegriff zuordnen lassen, in einem Update zu bündeln, anstatt sie über mehrere Releases zu verteilen. Das erleichtert nicht nur dem Marketing die Arbeit, sondern macht ein Update auch für den Endnutzer besser greifbar.

Wir können es nicht fett genug unterstreichen: Nutzer nehmen es einem nicht übel, wenn ein Feature (das sie ja auch noch gar nicht kennen) erst ein oder zwei Monate später verfügbar ist. Wenn dieses Feature aber durch eine zu ambitionierte Roadmap noch nicht richtig funktioniert, dann gibt es Ärger - und oftmals keine zweite Chance. Darum besser weniger anbieten, das dafür aber richtig, richtig gut abliefern. Wahnsinn, was das erste iPhone alles nicht konnte!


Zu diesem Artikel gibt es auch eine Podcastfolge.