Premium Apps

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Es gibt kaum eine Ausschreibung oder Gesprächsrunde zum Thema App, in der das Wort Premium nicht mehrfach fällt. Premium Entwicklung, Premium Interface, Polishing und Optimierungen für eine Premium User Experience und insgesamt ein Premium Anspruch. Diesmal wird alles, aber auch wirklich alles, richtig Premium gemacht. So lautet der heilige Schwur zum Projektstart.

Aber was genau ist das eigentlich, eine Premium App? Und wie bekommt man so etwas hin?

Das Beste vom Besten

Das Prädikat Premium hat sich eine App erst dann verdient, wenn sie auf allen Gebieten glänzt. Eine Premium App wird von ihren Nutzern geliebt, ist den Angeboten der Konkurrenz weit voraus und empfiehlt sich vielleicht sogar für den ein oder anderen Award.

Diese Ehre ist den Wenigsten vergönnt. Denn die Bandbreite an Dingen, die man richtig oder falsch machen kann, ist schier endlos. Selbst wenn man sich auf die wichtigsten Aspekte konzentriert, entsteht schnell eine beachtliche Liste: App Store Auftritt, Onboarding, Stabilität & Performance, Konzept, Design, Liebe zum Detail, Vermarktung, Bedienfreundlichkeit.

Wer in all diesen Kategorien glänzt, der kann sich den unzähligen Feinheiten widmen. Dazu gehören Themen wie Sound Design, Barrierefreiheit, einhändige Bedienbarkeit, Animationen, Schnittstellen von und zu anderen Apps und einige mehr.

Lippenbekenntnisse - das Problem

Premium klingt gut, keine Frage. Und wer will schon kein Premium machen? Letztlich aber bleibt es meist bei leeren Worten, Marketing-Blabla und fadenscheinigen Vorwänden, um es sich mit seinen guten Absichten bequem zu machen. Man hat ja schließlich alles versucht. Das ist nicht der Plan!

Klar ist: für eine Premium App braucht es weit mehr, als gut gemeinte Absichten. Es reicht nicht aus, seine heeren Ziele wiederholt in fett und kursiv in Ausschreibungsdokumente und Angebote zu schreiben.

Auch wenn die Intention grundsätzlich lobenswert ist: wer seine Premium Ansprüche nicht mit konkreten Schritten verknüpft und Rahmenbedingungen schafft, die hochklassige Arbeit überhaupt erst ermöglichen, der lügt sich in die eigene Tasche.

Fragt man Produktverantwortliche, welche Apps Premium am besten repräsentieren, werden wenig überraschend die Design Award Gewinner und populärsten Apps in ihrer Kategorie referenziert.

Dass es sich dabei um Apps handelt, die von dutzenden Experten über mehrere Jahre hinweg optimiert und feingeschliffen wurden, wird dabei gerne vergessen. Stattdessen wird auf das Endergebnis verwiesen und konstatiert: „genau so wollen wir das haben bei unserer App, richtig Premium“.

Kurzfristig fertig und recht günstig muss das Ganze aber natürlich trotzdem sein, klar. Man will ja schließlich schnell live gehen und mehr gibt das Budget gerade eben nicht her. Wenn die App ein Erfolg wird, dann kann man vielleicht auch mehr investieren. So die Hoffnung.

Das ist ein offensichtlicher Widerspruch, der gerne ignoriert wird.

Wie man es auch dreht und wendet, manches lässt sich nicht miteinander vereinbaren. Entweder man lässt seinen Kreativ-Team genug Zeit und Raum, Dinge auszuprobieren und richtig schick zu machen, oder eben nicht und wird dafür schneller fertig. Entweder man setzt Experten ein, oder spart sich ein wenig Geld und bekommt auch ein fertiges Produkt. Diese Liste an möglichen Kompromissen lässt sich ewig fortsetzen. Premium Apps zeichnet jedoch aus, dass sie kompromisslos nach Perfektion streben.

Dazu kommen Dienstleister, die bei jedem Unsinn einfach mitspielen, statt auf den Tisch zu klopfen und das Wort für die App zu ergreifen. Weil sie entweder auf den Auftrag hoffen oder es schlicht nicht besser wissen. Außerdem will keiner der Spielverderber sein. Angst spielt ebenfalls eine Rolle. Denn wenn es bei der Konkurrenz schnell, günstig und Premium gibt, dann ist natürlich klar, wofür sich der Kunde entscheiden wird.

Die simple Wahrheit aber lautet: so funktioniert kein Premium. Ganz egal wie sehr man es beschwören möchte. Und erst recht nicht in der ersten Version einer App.

Wie klappt es also?

Premium - der Weg ist das Ziel

Ganz egal, welchen Aufwand man betreibt: eine Premium App ist immer ein Prozess und lässt sich nicht durch eine konzentrierte Hauruck-Aktion realisieren. Die erste Version einer App kann somit niemals Premium sein.

Entscheidend ist es, mit Version 1.0 ein solides, aber flexibles Fundament zu schaffen und das Produkt auf dieser Basis kontinuierlich zu optimieren.

Dabei muss das Wohl des Nutzers kompromisslos an erster Stelle stehen. Er entscheidet darüber, ob das Produkt eine Daseinsberechtigung hat oder nicht.

Schnell verliert man sich bei der Planung und Konzeption in zu vielen persönlich motivierten Annahmen, die dann nie wieder hinterfragt oder gar gemessen werden. Die Integration von geeigneten Tracking Services ist daher unabdingbar. Nur so lässt sich datengestützt verstehen, wie die App tatsächlich genutzt wird. Dazu gehören auch Mechanismen, um die Nutzerzufriedenheit und ihr Feedback strukturiert abzufragen.

In den meisten Fällen ist es der beste Plan, den wahren Kern der App zu finden und dann mit einem möglichst schlanken Feature-Scope zu starten, dafür aber genug Budget und Manpower in der Hinterhand zu behalten, um das Produkt in den Monaten und Jahren nach Go Live vernünftig weiterzuentwickeln.

Nutzer wissen das zu schätzen. So wie auch die Produktverantwortlichen, da sie sich nicht direkt mit einem komplexen, starren Konstrukt konfrontiert sehen, mit dem es wahnsinnig schwer fällt, auf neue Erkenntnisse und Entwicklungen zu reagieren.

Und ist die Umsetzung der ersten Version gemeistert, geht die Arbeit erst so richtig los. Marketing, A/B Testing, Tracking, Kundenfeedback einholen und analysieren, bestehende Funktionen polieren, neue Features integrieren, die Möglichkeiten neuer OS Versionen vollständig ausreizen, die Konkurrenz im Auge behalten. Die Aufgaben werden so schnell nicht ausgehen.

Generell ist es ratsam eine App nicht als Projekt, sondern als Produkt zu betrachten. Denn ein Projekt ist irgendwann abgeschlossen. Ein Produkt hingegen verändert sich stetig und entwickelt sich weiter.

Fazit

Ist Premium somit nur den größten Publishern, mit ihren breit aufgestellten Teams und den schier endlos tiefen Taschen vergönnt? So weit würden wir nicht gehen.

Tatsächlich müssen sich aber alle Publisher, die eine weniger komfortable Ausgangslage wie die Großkonzerne und Silicon Valley Einhörner dieser Welt haben, entscheiden: Trennen sie sich von unrealistischen Ansprüchen, oder sind sie bereit, den für eine echte Premium App notwendigen Einsatz zu bringen?

Wer sich rigoros auf seine Stärken fokussiert, die richtigen Rahmenbedingungen schafft und genug Geduld mitbringt, der hat die Chance etwas außerordentliches zu erreichen. Vielleicht sogar eine echte Premium App.

Sofern man das denn überhaupt will. Denn meist reicht eine smart konzipierte, solide umgesetzte und gut vermarktete App völlig aus, um seine Ziele zu erreichen. Klingt halt nur nicht ganz so sexy. Ist dafür aber ehrlich.


Zu diesem Artikel gibt es auch eine Podcastfolge.