Wie tolle Apps dem Feature Creep zum Opfer fallen

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Treue Leser, begabte Konzepter und kompetente Designer wissen: Weniger ist mehr. Doch trotz allen guten Vorsätzen passiert es immer wieder, dass aus einer ehemals schicken App im Laufe der Zeit ein schwer zu bedienendes Monstrum entsteht.

Schuld daran ist ein ganz besonders arglistiges Ungeheuer namens Feature Creep. Wir begeben uns auf die Spurensuche und erkunden, woher er stammt, was ihn antreibt und was gehen ihn hilft.

Was ist der Feature Creep?

Der Feature Creep beschreibt einen schleichenden Prozess, in dessen Verlauf immer mehr Funktionen und Optionen ihren Weg in eine App finden.

Was nach einem verbesserten Angebot für den Nutzer klingt, wird schnell zu einem Problem. Denn die Navigation und Grundstruktur war meist nicht für derart viele Bereiche und Funktionen ausgelegt, wird aber nicht mehr in Frage gestellt und überarbeitet. Stattdessen werden neue Features ohne Rücksicht auf Verluste in das bestehende Konstrukt geprügelt.

Das führt zu einer Verschlechterung der User Experience. Nutzer sind überfordert oder finden sich einfach nicht mehr zurecht.

Außerdem verliert eine App dadurch ihre klare Positionierung. Immer wieder verwaschen Anwendungen so ihr ehemals geschätztes, scharfes Profil und treiben ihre Nutzer in die Arme der Konkurrenz.

Wann tritt der Feature Creep auf?

Klassischerweise gibt es zwei Phasen, in denen er sich besonders oft blicken lässt.

Während der Konzeptphase zur allerersten Version einer App fällt es meist noch recht leicht, den Feature Creep zu entdecken. Denn natürlich entstehen in den ersten Brainstorming Runden schnell ellenlange Listen an möglichen Funktionen. Dass es aber kein guter Plan ist, eine App mit all den Ideen vollzustopfen, ist den meisten schnell klar. Mehr dazu in unserem Artikel über Version 1.0 und die Roadmap danach.

Ist eine App aber erstmal in den Stores, ist es deutlich schwieriger, den Feature Creep zu erkennen. Denn ab jetzt beginnt ein schleichender Prozess, in dem aus den unterschiedlichsten Quellen neue Anforderungen an den Produktmanager herangetragen werden. Der Chef hat eine Idee, die Konkurrenz hat sich etwas neues ausgedacht, das neueste iOS und Android bietet mehr Möglichkeiten... und das Backlog ist ja auch noch prall gefüllt.

Was hilft dagegen?

Die Kunst liegt darin, die Notwendigkeit und den Nutzen eines jeden neuen Features rigoros zu hinterfragen. Auch wenn es schmerzt. Und zwar zu jedem Zeitpunkt im Projekt. Sei es bei der Grobkonzeption der v1.0 oder dem großen Update 3.0 zwei Jahre später.

Ein patentierter Trick ist es, sich auf den einen Satz zu besinnen, der die App und ihren Sinn beschreibt. Das Mission Statement sozusagen. Zahlt das neue Feature darauf ein? Wenn nicht, dann weg damit. Nur wenn eine neue Funktion der Kern einer Anwendung stärkt, oder sinnvoll ergänzt, lohnt es sich, genauer über eine Umsetzung nachzudenken.

Eine weitere goldene Regel besagt: was 80% der User nicht nutzen, das fliegt raus. Baut keine Sonderlocken für einzelne Nutzer oder kleine User-Segmente, die im Gegenzug für alle anderen (und somit den Großteil der Nutzerschaft) unweigerlich die Erfahrung verschlechtern.

Nur wer es schafft, sich immer wieder daran zu erinnern, was die eigene App eigentlich erreichen möchte und wofür sie steht, hat eine Chance den Wildwuchs an Funktionen gar nicht erst entstehen zu lassen. So beginnen schlechte Zeiten für den Feature Creep. Und gute Zeiten für alle Nutzer.


 Herr Clauß

Herr Clauß

 Herr Raimund

Herr Raimund

 

Keine Lust alleine gegen den Feature Creep zu kämpfen? Ein klein wenig Angst sogar? 👻

Who you gonna call? Abteilung


Zu diesem Artikel gibt es auch eine Podcastfolge.