Einhändige Bedienbarkeit: schafft ihr mit links!

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Unsere Displays werden immer größer, unsere Hände jedoch nicht. Wichtige Buttons und Funktionen rücken von Jahr zu Jahr weiter in die Ferne und sind oft schwer erreichbar. Bis Apple und Google eine Antwort haben, müssen die Konzepter ran.

Wie konnte es so weit kommen?

Heute kaum noch vorstellbar, aber es ist nicht lange her, da waren unsere Smartphones noch klein, süß und handlich. Plus-Varianten gab es auch noch keine und somit konnte wirklich jeder sein Handy mit nur einer Hand uneingeschränkt bedienen.

Parallel dazu festigten sich verschiedene konzeptionelle Interface-Paradigmen: Unten befindet sich unter iOS typischerweise die Tab Bar Navigation und auf Android Smartphones die im Gerät verbaute Navigation. Links oben gelangt man unter iOS einen Screen zurück und unter Android erreicht man dort das Burger Menü.

Und rechts oben, dort befinden sich auf beiden Plattformen oft die Hauptfunktionalitäten des jeweiligen Screens. Beispielsweise ein Plus-Button um ein weiteres Element hinzuzufügen oder die Sharing-Funktion, um den gerade angezeigten Inhalt mit der Welt zu teilen.

@@An den Interface-Paradigmen hat sich im Laufe der Zeit nur wenig geändert. Die Displays hingegen wurden Jahr für Jahr größer.@@ Das ist auch wahnsinnig schick und macht mächtig Laune. Vor allem beim Medien-Konsum und Spielen. Aber das Ganze hat auch seine Nachteile.

Jeder kennt derartige Grafiken, die visualisieren, welche Bereiche des Screens ein Nutzer mit nur einer Hand gut bis schlecht erreichen kann. Hier am Beispiel eines Rechtshänders.

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Schnell wird offensichtlich: Problematisch ist vor allem der obere Bereich des Displays. Der Bereich also, in dem sich die Navigation und Hauptfunktionen befinden. Für die Navigation bieten iOS und Android eine Alternative an: mit einer Wischgeste vom linken Rand des Displays öffnet sich das Burger Menü, und unter iOS gelangt man auf den vorherigen Screen.

Für die Hauptfunktionen gibt es einen solchen Workaround hingegen nicht. Am ehesten noch unter Android den Floating Action Button, mit dem man eine Hauptfunktion auf einen im rechten unteren Eck des Displays schwebenden Button auslagern kann, aber auch das löst nicht in allen Fällen das Problem.

Als Publisher sollte man die Thematik der einhändigen Bedienbarkeit nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wenn gerade die Hauptfunktionen im entscheidenden Moment nicht vernünftig erreichbar sind, dann erzeugt das blitzschnell Frust bei den Nutzern.

Was hilft?

Apple hat diesen Missstand durchaus für sich erkannt und versucht bereits systemseitig Abhilfe zu schaffen. Und zwar durch eine kleine Wischgeste nach unten auf dem Home Indicator des iPhone X oder einem Doppeltap auf dem Home-Button seines iPhones aus der Vergangenheit. Durch diese Gesten lässt sich der gesamte Screen um die Hälfte nach unten fahren.

Das ist durchaus praktikabel, fühlt sich aber nicht für jeden Nutzer intuitiv an und wird somit nicht flächendeckend genutzt. Noch dazu kennen viele Nutzer diese Funktion ganz einfach nicht. Als Publisher oder Konzepter kann man sich darauf also nicht verlassen, erst recht, weil es unter Android nur mit dem Einsatz von Drittanbieter-Anwendungen eine analoge Lösung gibt.

Man kann spekulieren, ob es künftig seitens Apple und Google neue Vorschläge und Ansätze geben wird, welche diese Thematik grundlegend adressieren. So könnte beispielsweise eine Verlagerung der ganzen Navigation in den unteren Bereich des Screens stattfinden. Ob und wann es in diese Richtung Bewegung geben wird, kann keiner mit Sicherheit sagen.

Bis dahin sind also die Konzepter gefragt und müssen sich Gedanken zu Lösungen machen, die für ihre Apps und Anwendungsszenarien Sinn machen.

Ein guter Start ist es, seine bestehende App oder Konzept kritisch unter die Lupe zu nehmen. Wo sind die Buttons und Funktionen, die derzeit nur schwer zu erreichen sind? Das Ziel muss sein, dass ein linkshändiges Kind die App ebenso vernünftig bedienen kann wie ein ausgewachsener Rechtshänder.

Hat man die Schwachstellen erkannt, braucht es für jede davon eine spezifische Idee. Eine pauschale Lösung gibt es dabei leider nicht. Grundsätzlich aber geht es darum, die schlecht erreichbare Funktionalität irgendwie zentraler in den Inhalte-Bereich des Screens zu verlagern.

Wie genau das klappt, unterscheidet sich von Fall zu Fall. Manchmal ist beispielsweise genug Whitespace vorhanden, um den Hauptbutton direkt im Screen zu platzieren. Sowohl Apple als auch Google platzieren in ihren Karten-Apps den Button, der die Navigation startet im unteren Drittel.

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Ebenfalls ist die Integration von Wischgesten oftmals ratsam, um zusätzliche Funktionen freizulegen. Allerdings sollte man mit versteckten Gesten immer ein wenig vorsichtig sein.

Hat man Inhalte, die mit Bildern repräsentiert werden, empfiehlt es sich, Funktionen darauf zu platzieren. Beispielsweise das Hinzufügen zu den Favoriten.

Alles in allem gibt es keinen Grund zur Sorge, fast immer lässt sich eine elegante Lösung finden. Das schafft ihr mit links und eure Nutzer werden es euch danken. Vielleicht sogar mit einem High Five mit ihrer freien zweiten Hand 👋

Und sollte es wider Erwarten doch etwas hakelig werden, dann klopft an bei der neuen Abteilung und wir greifen euch ein wenig unter die Arme.


Zu diesem Artikel gibt es auch eine Podcastfolge.